6. Juni 2009

Nach der Verleihung der Goldenen Löwen


   Baldessari - Djurberg - Rehberger

Ein Resümee - die Masse an Ausstellungen erschlägt, kaum zu bewältigen. Aber diese Woche ist informativer und dazu sinnlicher als jede Kunstmesse, macht neugierig auf Neues und zeigt auch solches. Man kann immer auf Überraschungen stossen.
Insgesamt ist diese Vorbesichtigungswoche ein grosses "Klassentreffen" der Kunstszene, man trifft auf Schritt und Tritt auf Bekannte, Künstler, Galeristen und Museumsleute, Journalisten, ist dadurch ständig im Gespräch über Kunst. Dauernd Eröffnungen, Empfänge, Parties... Und dazu noch diese romantische morbide wunderschöne Stadt selbst... einfach phantastisch!
Wenn auch irgendwann die Füsse schmerzen vom steten Laufen, bin ich immer neugierig und werde belohnt mit interessanter Kunst, ungeahnten Einblicken in alte Palazzi, mal in ruinösem Zustand, mal überwältigende restaurierte Pracht..
Was war zu sehen - sehr viel zu Architektur, architektonischer Utopie, Phantasien und Realität, somit auch zum Umgang mit Raum, dokumentarisch, surreal, spielerisch mit unserer Wahrnehmung. Und über die Situation und Befindlichkeit der Menschen in der (urbanen) Architektur. Es gab viele Werke die sich mit den Lebensbedingungen, Existenz, mit unserem nomadischen Leben beschäftigt haben, unser Zurechtkommen mit dem urbanen Leben und den Gegebenheiten. Viel zu persönlichen Erfahrungen, Unbeachtetem und dem "Dazwischen" von Zeit und Raum.
Wir haben viel gesehen von floralen, biologischen Welten und Gärten, Nischen und Rändern, mal dokumentarisch, mal surreal - und der Mensch zwischen Schönheit und Schrecken / Horror, Abgründen der Existenz - in jedem Fall anregend und bedenkenswert.
Es wurden "Welten gebaut" (wie das Motto der Biennale), mehr gedacht und uns vorgeführt.



Freitag 5. Juni 2009

Als Erstes zum zweiten Schweizer Standort - F. Gygi mit seinen Gitterregalen, klaustrophobisch in der St.Stae.

Dann aber geht es erst einmal in die von Daniel Birnbaum kuratierte Ausstellung im Arsenale.
Zu Beginn begrüsst uns ein strenges geometrisches Raumgespinnst aus hunderten goldig glänzenderen Fäden von Lygia Pape wie in einen halbdunklen Raum einfallende intensive Lichtstrahlen. Direkt anschliessend ein Spiegelraum, wieder mit goldigen Rahmen, von M. Pistoletto in Aktion teilweise zertrümmert, so dass unser Spiegelbild fragmentiert erscheint, wie ein Blick auf die Welt - eine starke Einleitung mit Klassikern!
Im nächsten Saal präsentiert Aleksandra Mir palettenweise eine (pseudo-) touristische Postkartenserie (zum Mitnehmen) weltweit bekannter und unbekannter, romantischer und absurder Landschaften, Städte, Szenerien die alle unter "Venedig" firmieren, ein schöner Seitenhieb auf die Globalisierung, auf touristisches "Branding" und unser unstetiges nomadisches Leben.
In eine ähnliche Richtung gehen auch Marjetica Potrcs utopische Stadtprojekt-Zeichnungen, austauschbar und überall möglich und präsent. Ebenso Carsten Höllers Foto-Zeichnung-Collagen, Häuser mit seinen Spiralen -(Rutschen). Auch Simone Berti arbeitet sich am Thema Architektur, Behausung ab und zeigt Zeichnungen von Betonarchitektur mit floraler Überwachsung und Überbau, und über Allem schweben Yona Friedmans Ideen, Utopien, Modelle.
Auch Cildo Meireles arbeitet an der Wahrnehmung und Wirkung von Architektur - eine Raumfolge wie ein Regenbogen, jeweils monochrom, mit Monitoren bestückt die zur jeweiligen Komplimentärfarbe wechseln. Näher am Leben der fiktiven Bewohner steht das Hüttendorf von P. M. Tayou, eine irre Materialschlacht, sehr detailverspielt, mit manchen in die Fenster integrierten Videodokumentationen zum afrikanischen Arbeitsalltag.
Der 7. Saal wechselt das Thema - hin zum Leben der Menschen. Eine der stärksten und sinnlichsten Arbeiten der Ausstellung ist die Schattenspiel-Projektion von Paul Chan, Menschen bei der Arbeit, Kommunikation und beim Sex. Gegenüber Elena Elagina und Igor Makarevich, neben Schränken voller (Kommiss-) Broten ein in Eis eingefrorener roter Adler, die nicht so glamouröse Seite Russlands, dazu Zeichnungen von Philosophen, wohl als Aufruf zum Nachdenken.
Danach mein persönlicher Lieblingssaal mit irre starken Arbeiten, wiederum zwischen Lebenswelten / Realitäten und architektonischen Installationen. Hague Yangs Jalousien-Lampen-Gitter-Häkeldecken-Kabel Assemblagen als Design Parodie auf "schöner wohnen"? Daneben eine Projektion von Sara Ramo die unseren Blick gefangen nimmt in leicht klaustrophobisch engen leeren Gassen und Ecken zwischen Ziegelwänden. Und einer der Besten, allemal witzigsten Arbeit - Bestue und Vives zeigen per Video den gesamten Irrwitz im privaten Haushalt und Alltag - absurde dadaistische Aktionen und Bewegungen wie "wie komme ich durch die Wohnung ohne den Boden zu berühren" oder eine konzertante Plastikflaschenaktion, umständlichste Nahrungsaufnahme usw!!! Wundervoll witzig humorvoll über unser heutiges "zivilisiertes" urbanes Leben und Lebensart, Videos die uns zur Reflexion des eigenen Tuns, den eigenen Gewohnheiten fordern.
Madelon Vriesendorp fordert den Besucher zur Interaktion mit ihrem Werk, zur Mitwirkung - verschiedene Elemente eines Interieurs in einer bühnenartigen Kulisse persönlich zu arrangieren. Während uns Sunil Gawde vor seiner kinetischen, sich ständig verändernden Mond-Sterne-(Loch-) Wand verzaubert und uns träumen lässt.
Nebenan dann Thomas Bayrles mäandernde Strassengeflechte als Betonschleifen und Tapete und der ebenso heftige, informative wie platte, aber notwendige "G-8 Marktstand" von Anawana Haloba, eine globale Wirtschafts-und Politikkritik mit Informationen zu Biotech und Mülltonnen voller Bonbons - Zucker und Peitsche?
Ein schönes Spiel mit unserer Wahrnehmung und unserem Realitätssinn inszeniert Ceal Floyer mit der übergrossen Projektion eines Bonsaibäumchens. Während Joan Jonas mit ihren zwei Videos über Kids im Spielzeugmuseum eher enttäuscht, fesselt uns Keren Cytter mit ihrem sehr theatral angelegten Familien-Stress-Epos - so manches leidvoll selbst ähnlich erlebt - und lässt uns Grazia Toderis Video einer in nächtliches Rot getauchten Stadt in starker Obersicht mit aufblitzenden Explosionen an die farblich komplementären Dokubilder der Bombardierung Baghdads denken lässt.
Chun Yun fordert unsere Imagination und fördert unsere Phantasie in seinem sehr abgedunkelten Raum mit einer bunten LED-Lichter Installation - wie die nächtliche Stadtsilhouette anmutend - die nichts anderes sind als Schalterlampen vieler gestapelter Haushaltsgeräte.
Und zum Abschluss dann ein farbiges Glasfenster-"Mosaik" von Spencer Finch - beleuchtet vom Sonnenlicht draussen, simuliert es die Mondlichtsituation im März 2009 in Venedig anhand seiner Farbwerte, äusserst sinnlich, romantisch und wunderschön. Zusätzlich hat er eine Glühbirneninstallation (was wenn es demnächst keine mehr geben soll?) namens "big bang" die an Molekularstrukturmodelle erinnert.
Pae White verhängt ihren Raum unter der Decke mit einem bunten geometrischen Wollfadengespinnst und hängt eine Kronleuchter-und Lampensammlung aus Vogelfutter gebastelt dazwischen, garantiert ein hohes Flugaufkommen.
Att Poomtangon baut eine fröhlich bunte Raumteiler / Jallousien-Architektur zum kommunikativen Aufenthalt bestimmt ans Hafenbecken, worin Mike Bouchers Einfamilienhäuschen als isolierte Insel schwimmt, sinnfälliger Hinweis auf unser saturiertes (westliches) Leben, das uns aber auch in die Isolation der Kleinfamilie führt, gar zwingt... Im "sicheren" Bootshaus schwimmen Rettungsinselzelte, initiiert von Tamara Grcic als Verweis auf die allgegenwärtige Migrationsströme und der damit verbundenen politischen Problematik.
Absolut stark und beeindruckend auch der künstliche Sumpf von Lara Favaretto in den Giardino delle Vergini gebaut.

Zum zweiten Teil der kuratierten Ausstellung im Padiglione Italia im Giardini sind wir erst tags darauf gepilgert, soll aber übersichtshalber gleich hier angefügt werden.
Das Portal mit einer schönen (Werbe-)Strandansicht stammt von John Baldessari, der ebenso wie Yoko Ono, die eine grosse Anzahl ihrer "Pieces", kurze Anweisungen für Aktionen und partizipatorischen Performances für jedermann zeigt, einen Löwen für das Lebenswerk erhält. Ebenso "Klassiker", die Arbeiten von Blinki Palermo - sehr geometrisch monochrome Tafeln - und Caderes bunte "abgestellte" Holzperlenstäbe, Adeagbos Sammelsurium-Flohmarkt, ein Raum mit Arbeiten der japanischen Künstlergruppe Gutai aus den 70er Jahren - und die grandios starken, immer noch äusserst aktuellen "Mappings" - soziale, politische und wirtschaftliche Kartografien, Informationen und Zusammenhänge, Kritik von Oyvind Fahlstroem.
Neben viel geometrischer bis abstrakter Malerei und Zeichnung gibt es einige irre starke Installationen - allen voran ein kinetisches Schattenspiel-"Theater" von H. P. Feldmann auf sich drehenden Scheiben, sichtbar auf Tischen aufgebaut, ein Sammelsurium aus Haushalt, Küche, Spielzimmer, von Flaschen und Trash bis hin zu Comicfiguren die ein absurdes sich ständig veränderndes Panoptikum ergeben. Nathalie Djurberg geadelt mit dem Löwen für die beste Nachwuchskünstlerin für ihre grandiose überbordende Installation, inmitten eines floralen Phantasie-Garten-Eden sind auf Monitoren Videos mit ihren animierten Knetfiguren, nahe am Horror, Schrecken und Grausen über menschliche Abgründe, sexuell konnotiert, zu sehen. Schrecken und Schönheit nahe zusammen, wie im richtigen Leben. Interessant auch die abstrahierten floralen Collagen mit Leuten von Anna Parkina. Auch Anja Dodiya arbeitet sich an surrealen Welten ab mit Zeichnungen und Collagen.
Tomas Sarazeno verspannt einen riesigen Saal mit Schnüren zu einem Universum mit Kreuzungen und Beziehungen zur Galaxie mit Planeten.
Für seine psychedelisch geometrische OpArt Rauminszenierung des Cafes wird Thomas Rehberger als bester Künstler der Biennale ausgezeichnet.


Nathalie Djurberg                                                                     Tomas Sarazeno





Beim Empfang der StellaArtFoundation im Ca. Rezzonico - russische Künstler von Juri Albert, Osmolovski bis V. Zakharov Süsse Pin-Ups auf Pravdaseiten von V. Bakhchanyan. Ärgerlich dass die Wachleute einen vehement von der irrsinnig starken hauseigenen Gemäldesammlung - Tiepolo, Tintoreto, Canaletto usw!! - in komplett mit Fresken und Stuck ausgestalteten Sälen vertrieben. StellaAF brachte auch das Buntbemalte "Kunst U-Boot Sub Tiziano" von Alexander Ponomarev auf den Canale Grande, wo es sogar ab und zu kreuzt.

J. war in der Zwischenzeit zur Vernissage des Portugiesischen Pavillons (wozu sie durch den Projektraum "rosalux" in Berlin mit überwiegend port. Kunst eine besondere Beziehung hat) am Canale Grande, mit sehr starken Video-Arbeiten von Gusmao und Paiva, eine kleine nette Feier. (siehe 2. 6.)

Und im wahnsinnig opulent restaurierten Palazzo Cav. Franchetti - eine privat initiierte Ausstellung mit dem Titel "Glasstress" die solch illustre Künstler wie J. Albers, T. Cragg, J. Kosuth, Man Ray u.v.a. versammelt, die alle mit dem berühmten Murano-Glas gearbeitet haben. Mehr oder weniger glücklich, manchmal grandios. Man trifft auf einem Autoreifen aus Glas von Robert Rauschenberg oder Jan Fabres blaumetallic schimmernde allgegenwärtigen venezianischen Tauben incl. Dreck. B. Pousttchi liess eines ihrer typischen verbogenen Polizeiabsperrgitter aus Glas bauen, eine Kiste mit bunten Totenköpfen ist von Mona Hatoum. Ein grosser Empfang mit guten Begegnungen und leckerem Abendessen...
Später ging es dann zur Party nach Murano, wo in den ehemaligen Werkhallen ein Museum der Kunst mit Glas eingerichtet wurde.







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Donnerstag 4. Juni 2009

Heute also in den Giardini in welchem die meisten Länderpavillons versammelt sind - und in Eigenverantwortung ohne Themenbindung z.T. obskure Ausstellungen präsentieren.
Im australischen Pavillon nimmt uns Shaun Gladwell mit auf einen Roadtrip durch das Outback, in Videos, Fotografien und Fundstücken, zeigt uns den "Auto-Surf" - Mad Max lässt grüssen - und angefahrene Kangoroos in überwältigenden Naturszenarien.
Verlassene Natur scheint überhaupt ein grosses Thema zu sein.
So sieht man im Britischen Pavillion in einer langatmigen Video-Arbeit von Steve McQuinn den Giardini verlassen, der Natur überlassen, zwischen den Biennalezeiten. Sehr poetisch allemal.
Ebenso am Thema, die herbarische Inventur urbaner Ränder und Brachen in verschiedenen Metropolen von Jef Gears, zeichnerisch, fotografisch, tabellarisch und gesammelt, im belgischen Pavillon.
Auch das Künstlerpaar Weinberger beschäftigt sich wieder mit natürlichen Vorgängen, diesmal mit Kompostierung, Zerfall und neues Leben/Erde. Allerdings scheint es im Komposthäuschen neben dem Österreichschen Pavillon mit Arbeiten von Elke Krystufek die sich am Menschenbild und den sexuellen Bedürfnissen abarbeitet und D. Margreiter, Probleme zu geben - ein guter Kompost stinkt kaum!
Geradezu GRANDIOS die "Outside-In" Installation im tschechischen Pavillon von Roman Ondak, der das Innere in den selben, leicht verwilderten Zustand, incl. Kiesweg, der Umgebung versetzt. Einer der stärksten verwunderlichsten Beiträge der diesjährigen Biennale! Fragen zur Existenz und Wahrnehmung.Wobei der Besucher nicht zufällig in der menschlichen Natur und deren Erinnerungen und Abgründen landet.
Von den sehr persönlichen Eindrücken, Beobachtungen und Beschreibungen bei Fiona Tan - Niederlande - auf Spurensuche ihrer familiären Geschichte in Indonesien, äußerst poetisch in warmen schönen Videobildern geschildert.
Während uns Mark Lewis in seine urbanen, überraschenden Alltagsbeobachtungen entführt, per Video im kanadischen Pavillion
Vor allem nächtliche, farbenfroh leuchtende fotografische Beobachtungen in Brasiliens Städten, von Menschen auf Strassen, Märkten usw. bringt uns Luis Braga nahe.
Auch Miwa Yanagis Fotoinszenierungen gealterter Frauen fragen (etwas kitschig heroisch) nach unserer Existenz und Möglichkeiten des Daseins.
Viel abgründiger und klaustrophobisch sind die Käfiglabyrinthe und die Fahnen-Pathetik im französischen Haus von Claude Leveque.
Kaum vorstellbare Abgründe der Unmenschlichkeit tun sich im Ungarischen Pavillon auf, wo uns Peter Forgacs ethnische Vermessungen vorführt die bei uns nicht unbeabsichtigt und unberechtigt den Rassenwahn-Unsinn des NS-Staates aber auch des Kolonialismus in Erinnerung rufen. Unbedingt ansehen, auch wenn es hart an die Grenzen geht.
Einer der schönsten, spannendsten Pavillions - Polen mit der Videoinstallation von Krzysztof Wodiczko. Ringsum Projektionen von milchigen grossen Bogenfenstern, "hinter" denen unbekannte verschwommene anonyme Personen agieren, passieren, die Fenster putzen. Man wird neugierig, die Phantasie hat freien Lauf. Warum hier von "Migranten " gesprochen wird geht mir nicht ganz auf - vielleicht das anonyme Bild, oder der Billigjob...?
Mit Fenstern, Jalousien, Kabeln und Neonröhren baut Hague Yang hübsche "eingedampfte" Interieurs.
Die USA setzen ganz auf eine Retrospektive von Bruce Nauman gleich an drei Orten, mit Arbeiten in allen Medien. Starke neue Neon-Schrift-Bild-Objekte, skulpturale Installationen und Video. Wofür es auch zurecht den Löwen für den "Besten Pavillon" gibt (trotz Cz./ P./ Nl./Dk./ Mex.).
Russland fährt eine ganze Künstlerschar auf, sehr gemischt auch vom Gehalt. Sehr eindringlich die beiden gläsernen Variationen der "Nike von Samothrake" die sich jeweils mit Blut bzw. Öl füllen und wieder leeren, eine sehr politische Arbeit von Andrei Molodkin. Auch sehr politisch der Rückzugsort, die eingerichtete und mit menschlichen Figuren (ein Dichter der sich zurückziehen muss im "neudemokratischen Russland?) behauste Bretterhütte von Gosha Ostretsov. Dazu feine surreale Zeichnungen von Pavel Pepperstein, ein in Kopfhöhe hängendes Feld aus Glaskugeln mit Portraitfotos gefüllt, A. Shuravlev u.a.



Molodkin - Shuravlev - Ostretsov


Dänischer Pavillon Arne Sune Berg

Ein äusserst interessantes Konzept verwirklichten Elmgreen und Dragset im Dänischen und Nordischen Pavillion indem sie ein fiktives Haus eines Sammlers - übrigens im Pool ertrunken (Mord oder Selbsttötung und deren Gründe stehen zur Spekulation) - inklusive Inventar aus Kunst und Design zum Kauf anbieten. Konkretes, Konzeptionelles, Surreales wie Nina Saunders "relaxende" wie zusammgebrochen wirkende Möbel oder Guillaume Bijls (Fake-)Vogelnest mit Billiardkugeln statt Eiern, das Servicegirl "Rosa" mit Goldhaut (C-3PO aus den StarWars lässt grüssen) neben der zerrissenen zerbrochenen gedeckten Tafel, beides von Elmgreen und Dragset. Kontrovers, zumindest provokant, sozialpolitisch ehrlich gegnüber dem realen Zustand auch in der westlichen Welt, wurden die gesammelten Bettlerschilder in edlen Rahmen von Jani Leinonen gesehen. Die "Sammlung" setzt sich aus vielen Arbeiten der von ihnen eingeladenen Künstler zusammen, eine ausufernde Liste! Grossartig und mit einer lobenden Erwähnung bedacht.
Mehrere Künstler auch in Venezuela, u.a. ganz sehenswerte Collagen aus Landkarten von Daniel Medina und sehr starke Collagen aus Fotografien von Favelahäusern, sozusagen experimenteller Architektur, ganz nahe an Existenz und Leben. Antonia Sosa wiederum zeigt eine besondere Art Tagebuch mit Fotografien von zusammengefegtem Staub und Müll - ich persönlich mag diese Kunst aus Hinterlassenschaften, quasi-archäologisches Annäherung an unser tägliches Leben.
Natürlich gab es auch "traditionelle" Malerei - Miguel Barcelo aus Spanien mit abstrakten Strukturen, an Mandalas erinnernde Bilder von Delson Uchoa aus Brasilien, abstrahierte Menschenfiguren von Adel el Siwi aus Ägypten. Rafi Lavie aus Israel zeichnet, malt nahe an "Art Brut. Grosse abstrakte Zeichnungen von Silvia Bächli gibts in Schweizer Haus zu bestaunen. Und Lucas Samaras steht dem Psychedelischen sehr nahe, auch hier der urbane Raum als Bezugspunkt.

Aber über die unsägliche, unerträgliche "Ikea-Höllen-Hütte" zu sprechen - lieber nicht - nicht jeder lebt in einer Ikeahölle und nicht jeder Künstler lebt ideenlos in Langeweile... da hilft auch keine Katze.



Upritchard / Pavillion Neuseeland /                                                                              Ming Wong / Singapur

Im Palazzo Michiel del Brusa direkt am Canale Grande finden wir Island mit Ragnar Kjartansson der - überschwemmungsgefährdet - ein Atelier in Progress aufgebaut hat, vor Ort malt und zeichnet, und lebt. Zusätzlich zeigt er Videos mit Bands, Auftritten in einsamer Schneelandschaft.
Im Geschoss darüber präsentiert Singapur die grossartige Künstlerin Ming Wong, die mit Fotografien und Videoarbeiten die Kinogeschichte des Stadtstaates, aber auch eine Begegnung mit ihrer Mutter und Vergangenheit aufbereiten. Schon länger ihr Thema, bereitet sie meisst Filmklassiker neu auf, oft selbst alle Rollen darstellend.
Nebenan Neuseeland an ihrem zweiten Ort mit F. Upritchard der Bhuddas und ähnelnde Figuren in quietschbunt, bemalt oder in Tüchern zeigt.
Am gegenüberliegenden Ufer treffen wir auf Thailand - wo ein fiktives Reisebüro eingerichtet wurde - "Gondola al Paradiso" - und somit Bangkok und Thailand mit Venedig verknüpft. Mit Plakaten, Broschüren und anderem zeigen Shaowanasai, Krue-On, Pui-OCK, Shoosongdej, Siripattananunthakul auf höchst ironische Art Träme, Klischees und Realität, alles nahe zusammen, in allen Formen bis zur Gay-Heiratsvermittlung...
Auch Australien hat eine Aussenstelle im Palazzo Armeno Ca. Zenubio nahe dem Giardini und zeigt drei weitere Künstler. Im Altarraum ein Monolith aus 196000 Videocassetten der Sammelgut-Stapler Healy und Cordeiro, nebenan gibt es (Klischee ick höar diar trapsen) bemalte Surfbretter und Film, aber auch eine überaus sinnliche poetische florale Unterwasserwelt-Installation von Ken Yonetani - ein Barrier Riff mit Wellenspuren im Sand und Korallen u. ä. alles aus Zucker, von oben mit einer bläulichen Wellen-Wasser-Projektion zum Leben erweckt! Eine meiner Lieblingsarbeiten in diesem Jahr! Hier fand auch der australische Empfang statt.

Besonders intensiv und existentiell berührend sind die den gesamten Palazzo Rota-Ivancich einbeziehende Installationen und Aktionen von Teresa Margolles aus Mexico. Eine Arbeit in mehreren Teilen zur brutalen mörderischen Situation im Norden Mexicos an der Grenze zu den USA, Gangs, Drogen, Morde ohne Ende. So hängen blutgetränkte Tücher-Fahnen aus den Fenstern und an Wänden, Blut und Schlamm von Orten an denen Leichen gefunden wurden. Der Palazzo selbst in einem bemitleidenswerten Zustand, blinde Schmutzrahmen von ehemaligen Bildern und Möbeln auf verblichenen und teilweise abgerissenen Tapeten unterstreicht die düstere Atmosphäre. Mehrere Frauen in sehr schicken schwarzen (Trauer-) Kleidern und auf High Heels, Angehörige von Opfern, wischen die Steinböden mit Blutwasser! Ein eindringliches politisches Statement, eine brisante, heftige aber stille künstlerische Mahnung an unser moralisches und demokratisches Verständnis. Eine Situation die ganz sicher das Gegenteil von dem allseits verbreiteten Angst-und Sicherheitswahn bei uns in D. ist. Diese Arbeit hätte einen goldenen Löwen verdient, ob als bester Pavillion oder als beste Künstlerin!


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Mittwoch 3.6.2009

Sammlung Pinault - Punta dela Dogana und Palazzo Grassi


F. Pinault - Tadei Aando

Die Punta dela Dogana, das alte Zollgebäude am Ausgang des Canale Grande wurde von Tadeo Aando sehr gefühlvoll und zurückhaltend umgebaut, minimalistisch eingesetzte polierte Betonwände neben rohen Ziegelwänden, und eine sehr gute Lichtsetzung.
Darin ausgebreitet, wie auch in Palazzo Grassi, alles was bekannt und teuer ist - Beute des Grossammlers.
Monumentale Bilder von Sigmar Polke (von der letzten Biennale Venedig) und Koons neben verschwindend kleinen von Barbara Kruger. Im Eingang durchschreitet man einen unübersehbaren kaum beachteten rosa Perlenvorhang (F. Gonzales-Torres), in Spannung auf die Sammlung. Erst beim Gehen bemerkt man den tollen leicht kitschigen, blinden Kronleuchter-Spiegel-Basketballkorb von David Hammons. Reisserisch hängt ein Pferd mit dem Kopf in der Wand (M. Catelan). Daeben sieht man eine stille feinen Malerei von Luc Tuymans. Gegenüber verstören grosse Vitrinen mit sehr starken Horrorszenarien der Chapman-Brüder ("fucking hell") und die wunderbaren "Leichentücher aus Marmor, zugedeckte Menschenfiguren, die eher im Schlaf als im Tod verharren von M. Catelan neben H. Sugimotos Modestudien, dem "Glas Chair" der in halber Höhe von einer weiten Glasplatte geteilt wird (Charles Ray) dessen Knabe mit Frosch draussen an der Spitze Venedig grüsst wie ein Symbol für den Trophäensammler. Manchmal sind es sehr platte Zusammenstellungen wie Grothjahn und Fischli-Weiss - beide Arbeiten in schwarz. Von letzteren auch die etwas öden riesigen Tischreihen mit gesammelten Werbeseiten aus Magazinen (gerade noch bei Sprüth-Magers), ähnlich schwach die "Tapeten" mit Schwänzen und mösen von Robert Gober davor die Sperma und Milch verspritzenden Jugendlichen von Murakami. Aber es gibt auch starke Zusammentreffen, etwa wenn Marlene Dumas auf die geisterhaften "efficiency men" von Th. Schütte trifft. Sehr stark auch eine zersplitterndes Explosions-Objekt-Bild von Matthew Day Jackson neben seinen kubistischen regenbogenfarbenen Totenköpfen und Skelett in Spiegelvitrine. Überraschend viele sehr gute Arbeiten von R. Stingl - grandiose "Spuren im (Styropor-)Schnee" oder die sich gegenüberhängenden barocken Styropor-Pseudostuck-Bilder einmal schwarz, einmal weiss, dazwischen ein phantastischer gigantischer Cy Twombly (PG), nicht zu vergessen die Gitterbilder im zentralen Raum (PdD).
Im Palazzo Grassi stolpert man im Foyer in einen bunt flackernden geometrischen Dancefloor, umringt von Nazi-Darsteller-Fotos aus Filmen - (P.Uklanski) welch seltsamer Zusammenhang!? Es finden sich starke Pin-up-Porno-übermalungs-Collagen von Richard Prince (nach DeKooning), eine wundervolle Bildsammelsurium-Collage von Tom Friedman. Wie hat Richard Hughes nur den Turnschuh in die Flasche bekommen - sein "crash my party you bastard" Raum ist ebenso verstörend wie humorvoll, und die 24 m lange raumgreifende Auftragsarbeit von Murakami überrascht und überzeugt in ihrem popig-psychedelischen Style.
Man sieht der Sammlung an, daß sie schnell und mit viel Geld zusammengetragen wurde, große Namen, aber nicht immer die besten Arbeiten der Künstler, vieles schon Gesehenes (auf der letzten Dokumenta, Biennale V. oder in verschiedensten "Gross"galerien und Messen).
Der Katalog ist sehr schön aufgeteilt - auf Doppelseiten Blicke in Ateliers, im zweiten Teil die ausgestellten Arbeiten, z.T. in situ.


Abdessamed vor Pistoletto

Koons vor Cindy Sherman                         R. Stingel





















Aber dann...! die vielleicht interessanteste und beste Ausstellung in dieser Biennale-Woche öffnet heute ebenfalls ihre Pforten - Mona Hatoum in der Fondazione Querini-Stampalia. Alleine ihr Stacheldrahtbett ("interieur landscape") bringt Schauer pur oder ihr glühender Globus! Auch der Stadtplan Beiruts mit seinen Kratern bringt (mediale) Erinnerungen an den Bürgerkrieg im Libanon ins Gedächtnis zurück - wo ist gerade überall Krieg? Extrem spannend wird es dann eine Etage tiefer in den Salons der Dauerausstellung des Stadtmuseums zum (bürgerlichen) Leben in verschiedenen Epochen Venedigs wo sie in die Interieurs kleine irritierende Arbeiten integriert hat ("Doppeltasse", bunte Muranoglas-Handgranaten, einfache Imbiss-Pappteller, Metallobjekte usw), manchmal kaum sichtbare Zeugen von hinterlistiger Ironie und gesellschaftspolitischer Kritik, da wird Kunst zum famosen grossartigen Suchspiel mit Lerneffekt. Vielen Dank


Unglaublich viel ist heute los - Fabrizio Plessi zeigt im Pal. Loredan Gestelltürme, unten Büsten prominenter Venezianer vergangener Zeit und darüber auf Monitoren deren solarisierte Ansichten, gefilmt von allen Seiten.
Im Palazzo Papafava gibt eine kleine James Lee Byars Ausstellung mit Performance und verschiedenen Arbeiten, u. a. Muranoglaskugeln.
Und in einer Kirche zeigt uns K. Francis Gray porzellane Akte, mit Strassketten verschleierte trauernde Figuren und ein Paar engumschlungen als Silhouette unter einem Laken.
Im Arsenale Novissimo sind mehrere begleitende Gruppenausstellungen zu sehen - "The Fear Society" mit Werken von Tania Bruguera, F. Bryce, H. Haake, A. Jaar, A.S. Siden, M. Dammann und "Unconditial Love" mit Jaume PlensasTextvorhang, eine sciencfiktionale Rundum-Projektion von AES+F, Wim Delvoye zeigt Röntgenbilder vom Blowjob und Marina Abramovic als Jungfrau in Rüstung mit blutigen Herzen in den Händen.... sehr romantisch zum Thema Liebe...
Aber ein wunderbarer Abend am Hafenbecken





Chernichev -"Unconditial Love"

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2. Juni 09

Grossartige Malerei in verschiedenen Kirchen und Scuolas - Tintoretto, Tizian, Bellini.
Auf die kleine Universitäts-Insel San Servolo wo verschiedene chinesische Künstler Präsentiert werden, in verschiedensten Medien arbeitend, Malerei, Installation, kitschige Drachencomicfiguren... Aber eine tolle Party zum Sonnenuntergang!
Ein schöner gepflegter Park mit einer Sammlung verschiedenster, auch exotischer, Bäume.
Und auch dem Pavillon von San Marino, seltsam verträumt und illusionistisch.

Spät dann noch ein erster Blick in den portugiesischen Pavillon - irre starke und überraschende Videoarbeiten von Gusmao und Paiva. Man sieht Dinge die gegriffen werden und dabei verschwinden, verschwimmen im Wellengang, oder ein bratendes Spiegelei... es geht um Mythen und Phänomene, wissenschaftlicher Beobachtung. und entspanntes chillen auf der Terasse am/auf dem Canale Grande, Venedig vom Feinsten.
Wenn man dann auf dem Rückweg durch die nach Mitternacht stillen menschenleeren Gassen plötzlich auf Berliner Bekannte trifft weiss man es ist Biennalezeit.





1. Juni 09

Gleich am ersten Tag geraten wir in die Eröffnungsveranstaltung eines riesigen Performanceprogramms das über die nächsten Monate mit ca. 50 Performern/Gruppen sich über die gesamte Stadt ausbreitet. Mischa Kuball mit einer Schrift-Projektions-Installation, unter anderem auf eine Discokugel.
In der Dunkelheit auf der Uferpromenade "Riva degli Schiafoni" entlässt Dovrat Meron mit Schere national gebundene Sterne von verschiedenen Flaggen aus dem Hof des Offizierscasinos zurück in das Firmament.






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Pistoletto


Paul Chan


Tayou


Sunil Gawde


Spencer Finch


Pae White


Hans Peter Feldmann









B.Pousttchi


Jan Fabre




Ondák im Czechischen Pavillon


Wodiczko im Poln.Pavilon


Dänischer Pavillon


M.Saunders




Pavilon Island


Australiens 2.Pav. - Healy u. Cordeiro - Ken Yonetani


Teresa Margolles im Mexicanischen Pavillion




Withered, Gonzales-torres, Catelan, Tuymans


Murakami


Pjotr Uklanski


Richard Hughes


Maurizio Catelan


Richard Prince




Mona Hatoum


Kevin Francis Gray


Jaume Plensa - "Unconditial Love"


Jota Castro - The Fear Society